Fernweh zum Glück

 

Thailand, Bangkok Flughafen

Lena trat durch das eiskalte Gebläse des Flughafenausgangs von Bangkok und prallte gegen eine Wand aus flirrender Hitze, Feuchtigkeit und Kerosingeruch.

  Warum hatte sie nicht einfach eine Österreichreise gebucht? Das hätte für den Anfang doch vollkommen gereicht. Eine kleine Hütte am Neusiedler See, ähnliche Sprache, gleicher Kulturkreis, Palatschinken, Wiener Schnitzel, Sachertorte … Aber nein, es hatte ja weiter weg sein müssen. Weiter weg von ihm.

  Sie ließ ihren Rucksack auf den Boden gleiten und riss den Reißverschluss ihrer Fleecejacke auf. Noch gestern hatte sie der flauschige Stoff vor der nassen Oktoberkälte geschützt, nun war er wie ein Schneeanzug in der Dampfsauna. Nach fünfzehn Stunden schlaflosen Flugs, umgeben von hupenden Taxis und brummenden Fliegern, fiel es Lena schwer, sich zu konzentrieren. Sie atmete tief durch und rief sich die Abschiedsworte ihrer Mutter ins Gedächtnis: „Der Weg um die Welt geht auch nur Schritt für Schritt, Liebes.“ Welcher Schritt kam also als Nächstes? Lena schaute auf den zerknitterten Reiseplan, den sie tief in ihre Jeanstasche geschoben hatte, um ihn ja nicht zu verlieren: „10:30 Uhr: Pickup Liang, Exit 3, Bangkok Airport. Transfer to Bamboo Hostel, Chinatown.“

  Nun stand Lena am Ausgang drei und fragte sich, wie sie einen Herrn oder eine Frau „Liang“ erkennen sollte. Sie sah sich suchend um. Mehrere Touristen hievten ihre Hartschalenkoffer aus einem Bus; eine Gruppe Taxifahrer saß auf dem Bordstein und rauchte.

  „Taxi?“ Ein freundliches Gesicht lächelte sie an.

  „No, thank you. Pickup. Liang?“ Ihr Englisch reichte nicht für vollständige Sätze.

  „Aaaahhh.“ Ihr Gegenüber lächelte und nickte eifrig, was Lena kurz hoffen ließ. Doch dann drehte er sich um und schlenderte zu den anderen Taxifahrern.

  Lena hatte nicht die geringste Ahnung, was sie nun tun sollte. Sie setzte sich auf die Randsteine eines Blumenbeets und legte ihre Stirn auf die Unterarme. Vielleicht hatte Lukas doch recht gehabt. Sie gehörte nach Altdorf und nicht in seine große Welt.

  Erneut studierte Lena den Ablaufplan ihrer Reiseagentur für Thailand, in der Hoffnung, doch noch einen versteckten Hinweis zu finden. Zu Hause hatte die Liste so geordnet und einfach ausgesehen, aber schon beim ersten Punkt hatte Lena herausfinden müssen, wie grob all die Angaben waren: Hinter einer knappen Auflistung von Flugnummern und Flugzeiten steckten Check-ins, Sicherheitskontrollen, das Finden des Gates und Gepäckbands sowie das mehrfache Einscannen ihres Ticket-Barcodes. Und das war nur einer von über zwanzig Agenda-Punkten für Thailand. Danach folgten noch weitere sieben Länder mit weiteren sieben Listen.

  „Miss Langmark or Miss …?“ Lena hörte eine zarte Männerstimme, aber ein zerfleddertes Pappschild, auf dem in gekritzelter Handschrift „Liang Pickup Service“ stand, versperrte ihr Sichtfeld.

  „Yes, Langmark.“ Das Schild sank nach unten, und eine Reihe weißer Zähne und zwei lachende Augen strahlten ihr entgegen. Lena atmete auf.

  „Sawadtii khap.“ Der kleine Thailänder im Poloshirt legte seine Handflächen vor der Brust zusammen und deutete eine Verbeugung an.

  Lena konnte nicht anders, als sein herzliches Willkommens-lächeln zu erwidern. Erleichtert trabte sie hinter ihm her auf einen Kleinbus zu, während er ihren schweren Rucksack schleppte.

  „My name is Bob. Take a seat. I will go and search for the others.”

  Hatte er gesagt, sie würden noch andere mitnehmen?

  Lena sah sich im Bus um. Das weiße Kunstleder der Rückbänke war abgeschabt, und an manchen Stellen quoll der gelbe Füllstoff heraus, die Gummimatten im Fußraum waren mit Staub bedeckt. Sie hatte die Basic-Klasse bei World-Travel gebucht und tataaa: Hier war sie. Auf eine Klimaanlage konnte sie wohl auch nicht hoffen. Lena öffnete das Fenster, um sich Erlösung zu verschaffen, doch jetzt drang zu der gleißenden Hitze auch noch Straßenlärm in den Wagen. Trotzdem konnte sie seit dem Abflug zum ersten Mal loslassen, denn Punkt drei auf der Liste war lediglich eine Informationsveranstaltung in der Lobby. Das sollte sie hinbekommen. Langsam entspannte sich ihre Kiefermuskulatur und der Stress wich allmählich ihrer Müdigkeit. Sie wehrte sich nicht länger, schob ihre Fleecejacke unter den Kopf und machte die Augen zu.

 

*

 

Roman musste sich erst wieder daran gewöhnen, in der Economy Class zu sitzen. Die letzten Jahre hatte er mit aller Selbstverständlichkeit in den breiten Sesseln der Ersten Klasse Platz genommen und sich dem Rundum-Wohlfühlprogramm hingegeben. Jetzt aber kribbelten seine Füße, die aus Platzmangel andauernd eingeschlafen waren, und sein Magen knurrte, da er den Pappe-ähnlichen Kartoffelbrei und das zähe Rindfleisch-ragout nicht herunterbekommen hatte. Aber so war das jetzt nun mal. Er würde sich wieder daran gewöhnen. Roman fischte seinen Rucksack vom Band, hob mit seiner Kreditkarte 8000 Baht ab und schrieb dem Fahrer Bob eine SMS, dass er ein paar Minuten später kommen würde. Er wollte sich erst noch ein leckeres Thaicurry besorgen.

  Dreißig Minuten später lief Roman auf den weißen Kleinbus zu, auf den Bob gezeigt hatte, bevor er sich auf die Suche nach den letzten Gästen aufmachte. Roman nahm bereits aus der Entfernung die schlanke Silhouette einer großen, rothaarigen Frau wahr. Neben ihr stand ein etwas kleinerer, stämmiger Typ mit Baseballkappe. Als Roman sich näherte, drehte sich die Rothaarige um und ließ ihren Blick ungeniert von Kopf bis Fuß über ihn hinweggleiten. Nach der ausgiebigen Prüfung formten ihre Lippen ein wohlwollendes Lächeln; ein gezielter Augen-aufschlag lud ihn zum Flirten ein.

Roman mochte selbstbewusste Frauen. Sie waren ihm ebenbürtig und merkten schnell, was sie von ihm erwarten konnten: nicht allzu viel.

  „Hey. Ich bin Ben. Wie geht’s?“, begrüßte ihn der Cappy-Typ.

  „Roman.“ Er ergriff Bens Hand und nickte. Danach drehte er sich zu der Rothaarigen um, die betont unbeteiligt in ihrem Louis-Vuitton-Täschchen kramte: „Und du bist?“

  „Victoria.“ Wieder ein Augenaufschlag.

  „Mich hat sie anders begrüßt“, kommentierte Ben die Szene, ohne eine Miene zu verziehen.

Roman lachte.

  „Stimmt. Das hat sie“, bestätigte Victoria, strich sich eine Locke hinters Ohr und ließ Roman einen weiteren    „Flirty-Blick“ zukommen.

  Victoria hätte ganz wunderbar in sein altes Leben gepasst. Diese Sorte Frau begegnete einem en masse auf Banker-Partys oder Schickimicki-Empfängen. Sie waren sexy, charmant, rochen nach teurem Parfum und wussten Geld zu schätzen. Ab und an ließ er eine von ihnen für einen kürzeren Zeitabschnitt in sein Leben. Es waren immer nur unverbindliche On-Off-Beziehungen, am liebsten mit verheirateten Frauen, denn für echte Nähe fehlte es ihm an Zeit.

  Allerdings begegnete er dieser Lady nicht auf einer Yuppie-Party. Sie standen auf einem staubigen Parkplatz, und er war ein vermeintlich mittelloser Backpacker. In Anbetracht dieser Tatsache schmeichelte ihm ihr Flirt.

  Zwei Neuankömmlinge rissen Roman aus seinen Gedanken.

  „Schnups, hast du Hinkelsteine eingepackt?“ Ein glatzköpfiger Enddreißiger mit hochrotem Gesicht ließ einen Rucksack auf den Boden plumpsen.

  „Steh deinen Mann, Bärchen! Oder besser gesagt, sei ein Bär! Verstehst du? Bärchen. Bär.“ Die beiden steckten ihre Köpfe zusammen und kicherten. Im nächsten Moment stellten sie sich, immer noch glucksend, als „der Burkhard und die Birgit“ vor.

Victoria reichte ihnen mit gerümpfter Nase die Hand und wandte sich wieder ab.

  „Roman“, nannte er seinen Namen.

  „Du kommst mir irgendwie bekannt vor.“ Burkhard streckte ihm stirnrunzelnd die Hand entgegen.

Roman konnte sich denken, woher. Bevor er etwas wie „Ich habe ein Allerweltsgesicht“ antworten konnte, fuhr Ben dazwischen: „Hey B&B.“

  Die beiden gackerten wieder.

  „B&B. Lustig. Burkhard und Birgit. Bed and Breakfast. Du bist ja witzig.“

  Nun legte auch Ben die Stirn in Falten.

  Roman half Bob, das restliche Gepäck im Kofferraum zu verstauen. Der Gitarrenkoffer, der ganz oben lag, gehörte sicherlich Ben. Und wem der braun-weiß karierte Louis-Vuitton-Rollkoffer gehörte, war ebenfalls klar. Wahrscheinlich würde sich Victoria die nächsten Wochen in ein Resort einmieten und ihre Urlaubstage mit Massagen und Pediküren füllen.

  Als Roman in den Kleinbus stieg, erblickte er ein schlafendes Mädchen in der hintersten Reihe, dessen Kopf auf einem zerknüllten Pulli lag. Ihr blonder Bob war verstrubbelt, ihre Wangen rosig vom Schlaf, und auf ihrem Mund lag ein kaum merkliches Lächeln. Vorsichtig schob sich Roman auf den letzten freien Platz neben sie.

  Schwerfällig öffnete sie ihre Augen und sah irritiert hin und her, so, als wüsste sie nicht, wo sie war. Anschließend breitete sich wieder ein seliges Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Sie nuschelte ein leises „Hallo“ und ergab sich wieder ihrer Müdigkeit.

  „Häschen, hast du die Kaugummis? Was würde ich für eine Zahnbürste geben.“ Birgit hauchte gegen ihre Handfläche und schnupperte daran.

  „Ich liebe dich auch mit schlechtem Atem“, erwiderte Burkhard und nahm seine Liebste in den Arm.

  „Oh, bitte!“, murmelte Ben vor sich hin. Dann wandte er sich B&B zu und flüsterte: „Nehmt ein wenig Rücksicht auf das Dornröschen da hinten.“

  Glücklicherweise gehorchten die beiden und ihr Geschnatter verstummte.

 

Thailand, Bangkok Chinatown

Roman verkniff sich ein Gähnen. Er war es gewohnt, ohne Schlaf auszukommen, doch im Urlaub fehlten das grelle Bürolicht, die Koffeintabletten und das Stress-Adrenalin, die ihn durch die unzähligen Arbeitsnächte gebracht hatten. „Raus ins Getümmel!“ war somit die einzige Devise.

  Nachdem Roman den Nachmittag durch die Märkte von Chinatown gegeistert war, fand er sich pünktlich in der Lobby zur Informationsveranstaltung von World-Travel ein.

  Die anderen Reisenden, die er bereits am Morgen kennengelernt hatte, gesellten sich nach und nach dazu. Victoria setzte sich neben ihn aufs Sofa - so nahe, dass sich ihre Knie wie zufällig berührten.

Als Nächstes tauchte das strohblonde Dornröschen aus dem Bus auf. „Hallo. Ich bin Lena.“ Sie lächelte und reichte ihm die Hand.

  Dann begrüßte sie auch alle anderen Mitreisenden nacheinander und sah jedem dabei aufmerksam in die Augen. Ihr offenes Lächeln verlieh ihr eine unglaubliche Wärme. Selbst Roman, der Menschen erst einmal skeptisch begegnete, konnte sich ihrer Herzlichkeit nicht entziehen.

Wenig später gesellte sich ein Thailänder zu ihnen. Auf seinem dunkelblauen Shirt stand in weißen Lettern ‚World-Travel‘ geschrieben.

  „Hello. Mein Name ist Jack“, stellte er sich in sehr gebrochenem Deutsch vor und schaute ausdruckslos von Gesicht zu Gesicht.

  Roman vermisste das sonst so herzliche Willkommenslächeln der Thais.

  „Bob. Jack. Klassische thailändische Namen“, kommentierte Ben.

  „Asiaten legen sich oft englische Namen zu, um den Europäern das Leben zu erleichtern“, erklärte Roman. Er kannte das von seinem chinesischen Handelspartner Xiaoyong Zhang, der sich aus diesem Grund Marc nannte.

  „Ein Erklärbär“, antwortete Ben mit hochgezogener Augen-braue.

  „Lena Lanma.“ Jack las den ersten Namen von einer Checkliste und schaute in die Runde.

Keiner reagierte.

  „Lena Lanmar?“, stotterte er nochmals den Namen.

  „Lena Langmark“, korrigierte Lena und hob die Hand.

  „Ben Spector?“

  Ben hob die Hand.

  Jack brauchte für die meisten Namen mehrere Anläufe. Das kam Roman entgegen, als er dran war.

  „Roman …“

  „Eckert“, unterbrach Roman und nickte.

  Es ging auf. Jack machte einen Haken und ging zum nächsten Namen über.

  Roman atmete erleichtert auf. Er sah zu Burkhard hinüber, der Romans Nachnamen noch einmal vor sich hin flüsterte, dann aber kopfschüttelnd davon abließ.

  „Willkommen bei World-Travel, Ihrem Spezialisten für Weltreisen. Sie haben die Basic-Route um die südliche Globushälfte gewählt und werden in den nächsten sechs Monaten acht Länder bereisen.“ Jack las den Text mit starkem Akzent von seinem Klemmbrett ab. Er wirkte so konzentriert, dass Roman sich fragte, ob er überhaupt verstand, was er da las.

  „Ob Jack bei der ‚Premium-Klasse‘ für ein Lächeln wohl Zuschläge bekäme?“, lästerte Ben in normaler Lautstärke.

  Jacks ausbleibende Reaktion bestätigte Romans Vermutung: Er verstand kein Wort Deutsch.

 „Sie erhalten in jedem Land an der ersten Rezeption ihre Reiseagenda, alle Tickets und eine Unterkunftsliste. Unterkünfte werden nur garantiert, wenn Sie sich mindestens eine Woche im Voraus anmelden. In der Basic Variante sind ausschließlich Hostel-Schlafsäle und Hütten inklusive. B&Bs sind meist mit einem Aufschlag verbunden.“

  Burkhard klopfte Ben bei dem Wort ‚B&B‘ auf die Schulter. „Lustig, Mann. Echt lustig.“

  „Ein halbes Jahr lang Schlafsäle?“ Victoria starrte ungläubig in die Runde. Ihr Entsetzen beantwortete Romans Frage, warum eine Frau wie Victoria eine „Basic-Weltreise“ buchte: Sie hatte das Kleingedruckte nicht gelesen.

  Auch er hatte kurzzeitig mit der Premium-Klasse geliebäugelt. Mit seiner Abfindung wäre das ohne Probleme drin gewesen; doch irgendwann musste er ja anfangen, wieder Bodenhaftung zu gewinnen. Warum also nicht gleich?

  Roman konzentrierte sich wieder auf Jack: „Ihre Flugdaten sind nicht umbuchbar. Auch einige der Bus- oder Boottransfers sind fix, eine Erstattung im Falle eines Nichtantritts ist ausgeschlossen.“

Ben lächelte Lena an, die als Einzige aufmerksam dem Vortrag lauschte und sich ab und an sogar Notizen machte.

  „Wanderungen oder Ausflüge, die eine langfristige Buchung voraussetzen, sind immer auf den Anfang oder das Ende eines Landesaufenthaltes gelegt. Dies betrifft beispielsweise Ayers Rock, Milford Sounds oder den Inkatrail.“

  Roman dämmerte, dass er diese Truppe häufiger sehen würde, als ihm lieb war. Er hatte zwar gewusst, dass aus Kostengründen viele Wanderungen, Transfer- und Flugdaten vorgebucht waren. Allerdings hatte er gedacht, dass das nur für ihn gelten würde – nicht für eine ganze Reisegruppe. Das war dann wohl der Preis dafür, dass er so schnell wie möglich hatte abreisen wollen. Ein Anruf bei seiner Sekretärin, die ihn trotz der Kündigung noch unterstützt hatte, und schon hatte er im Flieger gesessen.

  Roman warf einen Blick zur Seite auf Victoria. Was für ein Jammer, aber die Idee eines kleinen Stelldicheins musste er wohl verwerfen. Sich flüchtig auf eine Frau einzulassen, der er danach ein halbes Jahr lang nicht aus dem Weg gehen könnte, gab nur Stress.

  Auch Ben schien allmählich die Informationen zu verarbeiten. Mit einem Blick auf B&B entfuhr ihm ein leises „Oh shit“.

  „World-Travel hat noch eine Überraschung für Sie“, leierte Jack weiter herunter. „Wir laden Sie herzlich auf eine Fahrradtour durch Bangkok ein. Treffpunkt ist morgen, elf Uhr in der Lobby.“ Nach diesen Worten stand er auf, ohne Fragen abzuwarten, legte die Handflächen aneinander und verbeugte sich zur Verabschiedung. Dabei huschte doch noch ein scheues Lächeln über sein Gesicht, welches einzig Lena erwiderte.

 

*

 

Lena wälzte sich auf die andere Seite und lauschte den gleichmäßigen Atemgeräuschen ihrer Zimmergenossinnen. Warum hatte sie sich am Vortag nur hinlegen müssen? Die geplanten fünf Minuten Ruhe waren in sechs Stunden Tiefschlaf gemündet, die sie die gesamte Nacht hatten wach liegen lassen. Selbst das rote Sonnenlicht, das allmählich den Raum erhellte, schaffte es nicht, ihre innere Uhr auf sechs Uhr morgens einzustellen. Lena griff erneut zu ihrem Smartphone und verband sich mit dem WLAN des Hostels. Auf Facebook gab es nichts Neues über Lukas, was kaum verwunderlich war, hatte sie doch erst vor dreißig Minuten nachgesehen. Sicher schlief er längst, auch im Chat war er das letzte Mal um 23:05 Uhr deutscher Zeit online gewesen. Das war ein gutes Zeichen, denn wenn er sich mit „ihr“ traf, war er den gesamten Abend offline. Allerdings konnte es auch nur Sabine sein, der er um diese Uhrzeit noch schrieb. „Gute Nacht, meine Süße“ - das hatte er Lena immer vor dem Schlafengehen gewünscht, wenn er beruflich unterwegs war. Bei dieser Erinnerung stemmte sich das Gewicht ihres Verlustes schwer auf ihre Brust, so schwer, dass sie tiefer in die Matratze zu sinken schien.

  Sie öffnete Facebook, klickte auf „orten“ und schrieb einen Kommentar, wie toll es in Bangkok war. Dann rief sie im Internet Reiseberichte über Thailand auf. In Vorfreude zu schwelgen hatte zu Hause auch immer geholfen. Allerdings war es entspannender gewesen, in den Erzählungen fremder Menschen zu baden, wenn die Realität auf der anderen Seite der Welt lag. Jetzt mahnten sie Lena, selbst diese fremde Welt zu entdecken, die hinter der Blechtür am Fuße der Treppe auf sie wartete. Später. Lena drückte ihre Kopfhörer in die Ohren, widerstand dem Drang, „ihren“ Song „Angel“ aufzulegen, und blies stattdessen ihr Herz mit „I will survive“ wieder frei.

 

Irgendwann ließ sich das Grummeln ihres Magens nicht länger ignorieren. Sie hatte den Vortag noch mit Stullen von zu Hause überbrücken können, doch jetzt würde sie sich etwas zu essen besorgen müssen.

Vorsichtig drückte sie gegen die scheppernde Tür, die ohne Widerstand auffuhr, und den Blick auf die Fremde freigab. Lena verstärkte ihren Griff um den aufgerollten Stadtplan, atmete tief durch und trat nach draußen.

Augenblicklich umgab sie eine Geräuschglocke aus tosendem Verkehr und hupenden Tuk Tuks, viele Sprachen schwirrten durcheinander, es duftete nach Räucherstäbchen und frisch frittierten Hühnchen und stank nach Kanalisation und Smog. Lena lief, benebelt vom Jetlag und der Fremde, die Straße entlang. Nur zwanzig Meter neben dem Hostel fand sie einen Laden. Oder vielmehr eine mit Lebensmitteln vollgestopfte Garage. Auf dem Boden waren offene Reissäcke aneinander-gereiht, von der Decke hingen gerupfte Hühner; überall standen große Metallschüsseln mit Fischen, Garnelen, Litschis oder Mangos. Lena bückte sich und streichelte über die stachelige Schale einer kürbisgroßen, grünen Frucht.

  Die hagere, runzlige Thailänderin, die auf einem Stuhl am Eingang saß, lächelte ihr zu: „Jackfruit.“

Sie holte eine aufgeschnittene Frucht hervor, brach ein Stückchen des gelben, kristallförmigen Fruchtfleisches heraus und reichte es ihr.

  Lena biss in die Konsistenz einer Paprika und schmeckte eine Mischung aus Maronen und Maracuja. Sie schloss die Augen und versuchte, diese neue Geschmackskombination abzuspeichern. Wie viele Früchte gab es noch auf der Welt, von deren Existenz sie nichts wusste? Lena wollte sie alle probieren, am liebsten sofort. Als sie die Augen wieder öffnete, wiederholte die Thailänderin mit einem Lachen mehrfach: „Good? Good?“

  Nicht nur gut. Wundervoll!

  „Hallo, Lena.“

  Lena war so in der Fremde abgetaucht, dass sie erschrak, ihren Namen zu hören.

  „Hallo, Roman.“ Mehr als ein Nicken und ein schüchternes Lächeln brachte sie nicht zustande. Ihr Blick folgte seiner Hand, die durch seine tiefschwarzen Haare strich. Diese betont langsamen Bewegungen erinnerten an einen Fuchs, der sich an seine Beute anschlich.

  „Du solltest aufpassen. Die Durian-Frucht sieht fast genauso aus, stinkt aber bestialisch.“ Sein Lächeln wirkte so lässig, als würde er jeden Moment für die „Men’s Health“ abgelichtet. Er wandte sich wieder ab, um seine Einkäufe zu tätigen.

  Lena löste ihren Blick von seinem breiten Rücken, legte der Verkäuferin drei Mangos auf die Theke und deutete auf die Jackfruit. Am liebsten hätte sie auch nach einer Durian gefragt. Aus Prinzip. Lukas hatte auch immer solche abgeklärten Reden gehalten. Lena äffte im Kopf Romans Stimme nach, wie er Ben belehrt hatte: „Das machen Asiaten so …“ Oder wie er vor der Einweisung erwähnt hatte, dass jede Chinatown auf der Welt sowieso gleich aussähe.

  Auch jetzt schaute er gelangweilt auf seine Armbanduhr, als stünde er in einem schnöden Tante-Emma-Laden und müsste gleich zum nächsten Geschäftstermin.

  Nein, so jemanden wollte Lena nicht mehr. Sie würde künftig selbst Erfahrungen sammeln, anstatt Typen zu bewundern, die sich so weltgewandt gaben.

  Dennoch merkte Lena, wie sich die Härchen auf ihrem Unterarm aufstellten, als Roman sich in dem engen Gang an ihr vorbeiquetschte. Ihr Körper brauchte einfach noch ein wenig Zeit, um sich daran zu gewöhnen, dass sie von nun an auf einen anderen Typ Mann zu stehen gedachte.

  „Wo hast du das gekauft?“ Lena schaute auf Romans Tüte, aus der Weißbrot, eine Cornflakes-Packung und Milch herauslugten. Einmal konnte sie ja noch auf sein weltmännisches Wissen zurückgreifen. Er erklärte ihr den Weg zu einem, wie er sagte, „richtigen Supermarkt“ um die Ecke, und Lena verabschiedete sich.